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Aktuell vom 15 März 2013

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“Seelentaumel” Autorin Ramona S. in einem Dossier der Furche über psychische Krankheiten

“Seelentaumel” Autorin Ramona S. in einem Dossier der Furche über psychische KrankheitenHerzlich Willkommen in meiner Welt. Ich lade Sie ein, zu einem Exkurs in ein Leben voller Höhen und Tiefen. Was Sie dazu brauchen ist eine Portion Gelassenheit oder starke Nerven. Ich hoffe, Sie werden mir am Ende kein Schwarz Weiss Gebaren vorwerfen. Sie sollten auch nicht denken: „Die arme, kranke Frau,“ denn krank, nein krank würde ich das alles nicht nennen. Ich bezeichne es als Überlebensstrategie. Wer weiss, ob es mich sonst noch geben würde... Mein Name ist Ramona, ich bin 34 Jahre alt und „man“ sagt, ich habe eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Hmm... Borderliner...? Was bedeutet das? Bedeutet es überhaupt irgend etwas? Was macht es aus mir? Ein Monster? Eine Schutzbedürftige? Jemand, zu dem man hinaufschaut, oder jemand auf den man herab blickt? Wahrscheinlich sind die Meinungen darüber ebenso gespalten, wie das, was es über mich ausdrücken soll: Grenzgänger! Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – innerhalb weniger Sekunden. Ein übermäßiges Bedürfnis nach Nähe, verletzend und abweisend, wenn es zu intim wird. Ein Häufchen Elend, ein kreatives Genie, in der Lage alles zu schaffen und eben soviel zu ruinieren. Alles oder nichts. Undefinierbar, schwierig, kompromisslos und Unruhe stiftend sagt der Fachmann. Vielen Dank! Was bin ich also? Oder wer? Selbst heute, nach unzähligen Therapiesitzungen, weiss ich es noch immer nicht. Ich könnte jetzt Charaktereigenschaften wie sensibel, impulsiv, scharfsinnig oder kreativ aufführen, aber das würde nicht wirklich etwas über mich aussagen. Es fällt mir schwer, mich im Ganzen zu definieren. Was ich heute über mich denke, kann morgen schon ganz anders sein und meistens ist es schlichtweg abhängig davon, wie andere Menschen zu mir stehen bzw. was sie über mich denken. Gute Leistungen haben in meinem Hirn nur eine kurzfristige Aufenthaltsgenehmigung. Ich bin das, was ich über mich denke. Entweder gut oder schlecht, sonst nichts. Habe ich gestern noch einem Freund einen Gefallen getan und fühlte ich mich glücklich dabei, so nehme ich mich heute als Nichtsnutz wahr, der noch nie etwas anständiges geleistet hat und die Menschen enttäuscht. Banale Dinge können mein Selbstbild in eine Krise stürzen... aber nicht mehr so tief, nicht mehr ganz so tief wie einst... „Einst“ ist jetzt etwa 10 Jahre her. Ich war die typische Borderlinerin – und mein sogenanntes „Vollbild“ brach aus, als ich aus dem elterlichen Haus auszog um ein eigenständiges Leben zu führen. Obwohl es genau das war, was ich wollte, fühlte ich mich plötzlich allein. Übermäßig allein! Es überschwemmte mich wie ein Flut. Trotz der guten Gründe, die es für meinen Auszug gab, wäre ich im Traum nicht darauf gekommen, das sich dieses trostlose Gefühl der Isolierung wie eine unsichtbare Hand um meinen Hals legen würde. Aber das war nicht alles: Aus den kleinen, schon seit meiner Kindheit dagewesenen, neurotischen Plagen wurden große Probleme. Das Repertoire an Zwängen, impulsiven Ausbrüchen, Essproblemen war vielfältig und allgegenwärtig, aber rein gar nichts gegen das wirkliche Monster: Die Angst! Angst war mein vorherrschendes Gefühl und heute glaube ich, alles was ich tat, habe ich aus Angst getan. Bewusst und unbewusst. Zum einen waren da die Panikattacken: Katastrophe! „Ich sterbe! Ich verliere die Kontrolle!“ Und dann war da noch die „entzückende“ frei flottierende Angst: Immer da, immer nah, zermürbend! Dieses könnte, jenes könnte...Befürchtungen über Befürchtungen, die immer neuen Nährboden fanden. An einem Tag glaubte ich an Krebs erkrankt zu sein, am Nächsten war ich homosexuell, am Nächsten hatte ich Angst andere Menschen tätlich anzugreifen. Alles Firlefanz - und doch gedanklich so beängstigend nah. Kurz: Furcht und Beklemmung bestimmte mein Leben. Es baute sich auf zu einem ekeligen Mischmasch aus Anspannung und Verzweiflung, für die ich schon bald ein wirksames Gegenmittel fand. Eine kleine, böse Ahnung forderte mich auf: „Verletz´dich selbst!“ Und das tat ich dann. Was unmittelbar danach passierte, liest sich wie aus einem Zauberbuch: Die Angst mitsamt ihrem Gefolge war weg. Hokuspokus Fidibus! Erstaunlich! Oder Unheimlich? Egal, denn es funktionierte. Die nachfolgende Entspannung war wie Balsam für meine Seele. Die Blicke der Chirurgen dagegen, die meine Schnittwunden wieder zusammenflicken mussten eine neue Demütigung. Doch der körperliche Schmerz war nichts im Vergleich zu dem seelischen Leid. Bald benötigte ich immer wieder neue, beißende Reize um zu spüren, das der psychische Schmerz nicht die Oberhand über mich erhielt – sondern ICH alles unter Kontrolle hatte. Banal gesagt: Es beruhigte mich. Es ist naheliegend, das mir bald niemand mehr helfen konnte, aber ich teilte mich auch nur subtil mit. Man kann von seinen Mitmenschen nicht verlangen zu hören, was man nicht ausspricht. Lediglich einer Ärztin zeigte ich meine selbstzugefügten Male. Danach dauerte es nicht mehr lange bis ich in der Psychiatrie sass und den Borderline Stempel auf der Stirn trug. Die Diagnose ist ein Stigmata, denn Borderliner sind natürlich aufsässig! Aber ich war einfach nicht so verrückt mich in diese Schublade zwängen zu lassen. Ein netter Therapeut würde es als „innerliche und äußerliche Klarheit“ bezeichnen. Weniger Nette nennen es „Uneinsichtigkeit“. Sei´s drum. Das Drama nahm seinen Lauf. Therapien hin und her. Ambulant und stationär. Und dann kam jemand und nannte mich schwer traumatisiert! Das kleine, bislang unbemerkte, verletzte Kind in mir begann zu schreien. Ein stiller und doch ohrenbetörender Schrei, der nicht mehr aufhören wollte. Nach einem Suizidversuch mit aufgeschnittenen Pulsadern landete ich hinter einer psychiatrischen Glasscheibe. Und... von da an ging es bergauf. Die Fügung schickte mir Wochen später eine fähige Therapeutin, die es mit den unerwarteten seelischen, körperlichen und sexuellen Traumatisierungen aufnahm, die an mich glaubte und zu der ich Vertrauen fasste. Ich machte die Traumatherapie EMDR und musste feststellen, das meine Psyche einer Black Box glich. Sie war gefüllt mit schwarzen Überraschungseiern die nicht schmeckten. Bis heute habe ich Angst nochmal hineinzuschauen. Denn obgleich es mir heute relativ gut geht, ahne ich, das noch ein paar von diesen ungenießbaren Dingern dort lagern. Ich denke, es ist nicht wichtig, wieviele man auspackt und isst, sondern das man die Richtigen verdaut. Seit 8 Jahren führe ich nun eine stabile Beziehung zu einem bodenständigen Mann, der meine kleinen Macken aushalten kann. Wir haben einen bezaubernden Sohn, dem ich täglich sage, wie sehr ich ihn liebe und der für mich die Herausforderung darstellt, es besser im Leben zu machen und niemals aufzugeben. Noch nie war ich mir in einer Sache so sicher wie in dieser! Denn wenn ich mir eines absolut nicht verzeihen könnte, so wäre es ein liebloser Umgang mit meinem Kind. So habe ich mich also für das Leben entschieden. Mit radikaler Akzeptanz versuche ich meine Wechselhaftigkeit anzunehmen und auch mal darüber zu lächeln. Denn wie sagte schon Buddha: „Es gibt den Tag nicht ohne die Nacht.“